Chronik des Stenographen-Zentralvereins Gabelsberger in München e.V. – gegründet 1849

– Von Edelgard Dankerl –

 

Zur Darstellung der ersten 50 Jahre des Stenographen-Zentralvereins Gabelsberger kann auf die anlässlich des 50. Vereinsjubiläums von Dr. Ferdinand Ruess (Vereinsvorsitzender von 1901 bis 1930!) zusammengestellte Festschrift zurückgegriffen werden. Als Quelle dient jedoch im Wesentlichen das Vereinsorgan "Bayerische Blätter". Schon im ersten Vereinsjahr wurden nämlich die „Stenographischen Blätter“ gegründet, ab 1869 „Münchner Blätter“, ab 1892 „Blätter für Stenographie“, schließlich ab 1894 „Bairische Blätter für Stenographie“ genannt, und 1907 wurde das „i“ durch ein „y“ ersetzt.

Schon vier Tage nach der Beisetzung Franz Xaver Gabelsbergers (gestorben am 4. Januar 1849) vereinigten sich seine Münchner Schüler zum „Gabelsberger Stenographen-Zentralverein“. Der Name „Zentralverein“ rührt daher, dass es bereits einige Gabelsberger Stenographenvereine gab, nämlich in Leipzig (gegr. 1846) und fast zeitgleich mit dem Münchner Verein gegründet die Vereine in Frankfurt, in Berlin und in Wien. In München sollte verständlicherweise der Mittelpunkt der Gabelsberger Stenographie sein. Und in der Tat schlossen sich die bestehenden und später folgenden Vereine dem Münchner Verein in Form einer Vereinsmitgliedschaft an. Die erste Ausgabe der "Stenographischen Blätter" erwähnt: "Ein weiterer Verein, dessen Sitz Dresden sein sollte, hat sich zur Stunde noch nicht aus dem Schlummer, in welchen er infolge der politischen Verhältnisse verfallen, zu erheben vermocht". Damit wird auf die gescheiterte Revolution von 1848 angespielt. Durch das Zusammenwirken der Vereine erhoffte man sich eine rasche Verbreitung der Gabelsberger-Stenographie.

Der erste Vorstand des Münchner Vereins war Franz Paul Scheiber, Ratsaccessist der königl. Rechnungskammer in München, bis er 1856 zum Rentbeamten (Finanzbeamten) in Tölz ernannt wurde.

Der Verein zählte bei seiner Gründung 29 Mitglieder. Als außerordentliche Mitglieder konnten auch Stenographen anderer Systeme dem Verein beitreten.

In den ersten Jahren nach Gabelsbergers Tod wurde ausschließlich nach dem System Gabelsberger in den Parlamenten in München, Wien, Hannover, Dresden, im Großherzogtum Oldenburg und im Herzogtum Weimar stenographiert. Außerparlamentarisch war Stenographie vor allem in Schwurgerichtsverhandlungen gefragt.

In den ersten Vereinsjahren ging es vorwiegend um Systemfragen und darum, unbefugten Nachahmern entgegenzutreten. Von großer Bedeutung war die Unterrichtstätigkeit, um das System zu verbreiten und gegenüber konkurrierenden Systemen durchzusetzen.

Der Zentralverein erachtete es als seine Ehrenpflicht, auf dem Grabe des "Meisters", Franz Xaver Gabelsberger, im Südlichen Friedhof in München ein seinem Andenken und seiner Kunst würdiges Denkmal zu setzen. Bald war von den Münchner Mitgliedern und den Stenographen der Nationalversammlung in Frankfurt eine namhafte Summe zu diesem Zweck aufgebracht. Schon am 1. November 1849 stand das Denkmal auf Gabelsbergers Grab.

Um Gabelsbergers Erfindung zu erhalten, musste vor allem eine zweite Auflage seiner „Anleitung zur deutschen Redezeichenkunst“ herausgegeben werden. Diese Aufgabe wurde dem Benediktinerpater Hieronymus Gratzmüller übertragen. Dabei sollte der einleitende Text, nachdem sich die Stenographie bereits selbst Bahn gebrochen hatte, bedeutend gekürzt, dagegen am Schluss des Werkes die Lehre von der Prädikatkürzung mit aufgenommen werden. Die Lehre von den Tironischen Noten wurde nicht mehr aufgenommen, um das Werk so preisgünstig wie möglich vertreiben zu können. Die Verwertung des Buches blieb den Hinterbliebenen Gabelsbergers vorbehalten; die Mitwirkung des Vereins sollte nur eine beratende und unterstützende sein. Wie schon bei der ersten Auflage musste alles auf Solnhofer Platten autographiert werden.

Die Schüler und Nachfolger Gabelsbergers erkannten rasch, dass die Stenographie nur von denjenigen vorteilhaft verwendet werden kann, die sie vollständig beherrschen. Darum ersuchte 1850 der Berliner Verein den Zentralverein München, die Voraussetzungen festzulegen, die ein Stenograph zur Aufnahme von Kammerverhandlungen erfüllen muss.

Um die Erfindung Gabelsbergers immer weiteren Kreisen zugänglich zu machen, musste der Zentralverein für einen richtig organisierten und von geeigneten Kräften erteilten Unterricht sorgen. Das Kgl. Staatsministerium des Innern hatte schon im Jahre 1842 eine Entschließung erlassen, wonach es nur solchen Stenographen in Bayern erlaubt war, Unterricht in dieser Kunst zu erteilen, welche sich durch eine nach den damals von Gabelsberger selbst niedergelegten Normen vorzunehmende Prüfung hinsichtlich ihrer theoretischen und praktischen Kenntnisse der Stenographie wie auch hinsichtlich ihrer Lehrbefähigung als dazu geeignet und tüchtig erwiesen hatten. Dieser Prüfung hat sich, solange Gabelsberger lebte, nur Pater Gratzmüller aus Augsburg unterzogen, welcher dann auch schon 1848 am dortigen Gymnasium St. Stephan den ersten öffentlichen Unterricht außerhalb Münchens eröffnete. Nach Gabelsbergers Tod beabsichtigte das Ministerium, Gratzmüller den Lehrstuhl für Stenographie an der Universität München zu übertragen. Allein dessen Abt erklärte, dass Gratzmüller nicht abkömmlich sei. So leitete zunächst Johann Baptist Widder den öffentlichen Unterricht in Stenographie.

Am 11. und 12. Februar 1850 wurde bei der Kgl. Regierung von Oberbayern die erste öffentliche Prüfung für das Lehramt der Stenographie abgehalten, an welcher sich fünf Stenographen beteiligten, darunter Gerber, Nachfolger im Amt des Vereinsvorsitzenden. Gerber, erst 26jährig, wurde noch im selben Jahr mit der Leitung des stenographischen Unterrichts an der Universität und der Polytechnischen Hochschule betraut.

Schon im Vereinsgründungsjahr erkannten die Mitglieder den Wert einer eigenen Zeitschrift als Organ des Vereins wie auch als Lesestoff für Mitglieder und Schüler. Der Zentralverein glaubte, die Zeitschrift nicht besser einleiten und das Andenken Gabelsbergers nicht mehr ehren zu können als durch den unveränderten Abdruck von dessen letzter Erfindung, der Anwendung des Zeichens für „tsch“.

Weitere Inhalte: Die Vereinsstatuten, Berichte anderer Stenographenvereine, Rezensierung von Lehrbüchern der Stenographie, Abhandlungen über andere stenographische Systeme, Stenographielehrer-Kurs in München und Stenographieunterricht an Schulen. Es findet sich auch eine Aufforderung an die Mitglieder, an einem stenographischen Album des Vereins mitzuwirken. Ein weiteres Thema ist die Besetzung des Lehrstuhls für Stenographie an der Universität München. Und aus dem Nachlass Gabelsbergers werden die von ihm ausgearbeiteten "Höheren Regeln und Vorteile der Schreibkürzung aufgrund der syntaktischen und brachylogischen Vereinfachung der Redeformen und Sätze" vorgestellt. Diese erste Nummer des Vereinsorgans wurde in wesentlichen Teilen von Herrn Herbert Schidrich übertragen.

Schon das folgende Jahr brachte die Notwendigkeit, die Zeitschrift zu erweitern. Denn nach Fertigstellung der zweiten Ausgabe des Lehrbuches zeigte sich bald ein Mangel an stenographischer Literatur. Statt mit einem fertigen Lesebuch vor das Publikum zu treten, entschied sich der Verein dafür, dasselbe in zwanglosen Abteilungen als "Lesebibliothek" im Anhang zur Zeitschrift herauszugeben. Da die Autographie vielen Wechselfällen von Seiten des Druckers ausgesetzt war, hielt man es für nötig, von 1851 an die "Blätter" und die "Lesebibliothek" lithographieren zu lassen.

Auch die Anschaffung einer Bibliothek fällt in das Gründungsjahr des Zentralvereins. Am Ende des ersten Vereinsjahres zählte diese schon 75 Titel, von denen heute noch in der Vereinsbibliothek ein gutes Dutzend Exemplare der „Anleitung zur deutschen Redezeichenkunst“ und der „Neuen Vervollkommnungen“ verwahrt werden. Das unter der damaligen Bestandsliste verzeichnete Buch von Trithemius "Libri Polygraphiae VI. Argentorati" aus dem Jahre 1613 gehört zu den ältesten vom Verein gehüteten Buchschätzen. Auch die „Vergleichung der stenografischen Alphabete und Schriften von Gabelsberger und Stolze“ von Weichsler, München 1844, hat sich bis heute in der Vereinsbibliothek erhalten.

 

Nachdem Franz Paul Scheiber (geb. am 31. Dezember 1818), studierter Jurist und Kameralist, 1856 zum Rentbeamten in Tölz (späteres Bad Tölz) befördert worden war, musste er die Leitung des Stenographen-Zentralvereins niederlegen. Scheiber gehörte von 1840 an bei jeder Ständeversammlung dem Stenographenbüro der Abgeordnetenkammer an. 1848 war er als Stenograph bei der deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche mit dabei und kehrte Ende 1848 zum Zusammentritt des Bayerischen Landtags nach München zurück. Nach dem Tod Gabelsbergers übernahm Scheiber als dienstältester Stenograph die Leitung des Stenographenbüros beider Kammern des Landtags.

Den "Bairischen Blättern" (1894, S. 98/99) ist zu entnehmen, dass Franz Paul Scheiber, von großer und kräftiger Statur, durch seine äußere Erscheinung beeindruckte und seine gewaltige Tenorstimme bei musikalischen Unterhaltungen und Sängerfesten zu Gehör brachte. Auf sein Ansuchen wurde er 1865 von Tölz nach Weissenhorn versetzt. 1881 nötigte ihn seine angegriffene Gesundheit, in den Ruhestand zu treten. Nach neunmonatiger qualvoller Krankheit verstarb er 1890 in München wenige Monate vor der Enthüllung des Gabelsberger-Denkmals in der Münchner Ottostraße.

Der Stenographen-Zentralverein wählte zu Beginn des Jahres 1856 den bisherigen 2. Vereinsvorstand Georg Gerber, Obergerichtsschreiber am Obersten Gerichtshofe des Königsreichs Bayern in München, zum 1. Vorstand. Dieses Amt sollte er bis 1870 innehaben.

Georg Gerber wurde am 16.10.1823 in München als Sohn eines Oberpostrevisors geboren. Er studierte Philosophie und Rechtswissenschaft an der Universität München. 1840 erlernte er bei Gabelsberger dessen Stenographie und erwies sich als vorzüglicher Schüler. Schon 1843 nahm ihn Gabelsberger in das Stenographenbüro der Ständeversammlung auf, dessen Vorstand er später viele Jahre lang war. Auch Gerber war 1848 und 1849 Mitglied des Stenographenbüros der deutschen Nationalversammlung in Frankfurt. Nach seiner Rückkehr nahm er die Redaktion der "Stenographischen Blätter" auf. Gemeinsam mit Hieronymus Gratzmüller machte sich Gerber um die Bearbeitung der 2. Auflage des Gabelsberger-Lehrbuches "Anleitung zur deutschen Redezeichenkunst" verdient. Er scheute keine Mühe, einen Münchner Lithographen mit der Stenographie Gabelsbergers vertraut zu machen. Die Meisterhand dieses Lithographen hat in der Folge noch viele stenographische Texte lithographiert. Die in ihrem ersten Jahrgang zunächst autographierten "Stenographischen Blätter" wurden von da an ebenfalls lithographiert.

Georg Gerber verstand es, durch seine außerordentliche Vortragskunst junge Leute an sich zu fesseln und gab sich alle Mühe, seine Schüler zur praktischen Vollendung in der Stenographie zu führen. Einen maßgeblichen Anteil hatte er auch an der Übertragung des Gabelsberger Systems auf die griechische Sprache durch Joseph Mindler, den er dabei nach Kräften mit seinen Sprachkenntnissen unterstützte. König Max II. gewährte übrigens eine finanzielle Zuwendung zur Einführung der Stenographie in Griechenland.

Georg Gerber lehrte Stenographie an der Universität und Polytechnischen Schule zu München, daneben an mehreren Gymnasien, am Kadettenkorps, an der Gewerbeschule u.a.m. so dass die stenographische Lehrtätigkeit seine Hauptaufgabe bildete. Er erarbeitete im Auftrag des Zentralvereins ein Gutachten über den stenographischen Unterricht in den höheren Lehranstalten Bayerns als Grundlage für eine Ministerialentschließung zur Förderung des Stenographieunterrichts. Weiter verfasste er für den Jahresbericht des Wilhelmsgymnasiums das Programm "Gabelsbergers Stenographie an Bayerns gelehrten Mittelschulen". Im Auftrag des Vereins unternahm er Reisen nach Mittel- und Norddeutschland, um die dortigen stenographischen Verhältnisse kennen zu lernen und mit dem Stenographischen Institut in Dresden eine Verständigung hinsichtlich des Weges herbeizuführen, der bei der Revision des Systems Gabelsberger eingeschlagen werden sollte.

Für den Stenographen-Zentralverein, an dessen Spitze Georg Gerber seit 1856 stand, besorgte er die umfangreiche Vereinskorrespondenz, indem er täglich ein paar Stunden nach Tisch und den größten Teil des Vormittags an Sonn- und Feiertagen der Vereinsarbeit widmete. Als belebendes und treibendes Element verkörperte er im Grunde persönlich den Verein. Alles was er hatte, gehörte der Stenographie: seine Zeit, seine Arbeitskraft und sein Vermögen. Sogar seine Wohnung teilte er mit dem Verein. Dort befand sich die Bibliothek, dort liefen alle Briefe ein und aus, dort hielt er Übungskränzchen und Ausschusssitzungen ab. Sie stand jedem Stenographen gastlich offen, wie überhaupt Freigebigkeit und Gastlichkeit genauso wie bei Gabelsberger eine Charaktereigenschaft Gerbers waren. Manchen Stenographen nahm er bei sich auf, unterhielt ihn und unterstützte ihn mit Geld. Bei der Besetzung von Stenographenstellen, die als Vorstand des Landtagsbüros in seiner Hand lag, nahm er bei gleicher Befähigung vorzugsweise auf weniger Bemittelte Rücksicht.

Nach seiner Ernennung zum Obergerichtsschreiber sah sich Gerber aus beruflichen Gründen zur Rückgabe seines Amtes genötigt. Aus Anlass seines Rücktritts von der Funktion als Stenographielehrer und in Anerkennung seiner Leistungen für die Förderung und Ausbreitung des Gabelsbergerschen Lehrsystems verlieh ihm Seine Majestät König Ludwig II. 1871 den Titel eines Professors der Stenographie. Ein gutes Jahr später verstirbt Georg Gerber im Alter von nur 48 Jahren am 11. Mai 1872 an den Pocken. Auch sein Grab befindet sich im Südlichen Friedhof in München.

Unter den Ereignissen des Vereinsjahres 1856 sei erwähnt, dass der Magistrat München den Beschluss fasste, die Gräber Gabelsbergers und Senefelders, des Erfinders der Lithographie (Gabelsberger hatte sich bei Senefelder zum Lithographen ausbilden lassen), für ewige Zeiten als unverkäuflich zu erklären.

Zu dieser Zeit wurde bereits an 20 von 28 bestehenden Gymnasien und an sechs anderen Unterrichtsanstalten stenographischer Unterricht erteilt. Die Abgeordnetenkammer genehmigte eine Erhöhung des Budgets um das Eineinhalbfache. Natürlich steigerte sich auch der Bedarf an Lehrern. Sechs Lehramtskandidaten unterzogen sich 1856 der öffentlichen Prüfung bei der Kgl. Regierung von Oberbayern. Die beiden Vorstände des Zentralvereins und dessen erster Schriftführer bildeten die Prüfungskommission.

Am Gymnasium St. Stephan in Augsburg bearbeitete Benediktinerpater Hieronymus Gratzmüller das Programm, welches die Frage beantwortete: "Wie kann die Erlernung der Stenographie an den bayerischen Gymnasien gefördert werden?"

Aufgrund der von David Dessau vorgenommenen Übertragung der Gabelsberger-Stenographie aufs Dänische wurde die Stenographie bei den dortigen Kammern eingeführt.

Am Ende des Jahres 1856 zählte der Zentralverein 12 Zweigvereine. Der Leipziger Verein feierte in diesem Jahr sein 10. Stiftungsfest.

Mit dem Wiener Verein bestand ein unerquickliches Verhältnis. Die Verschiedenheit der Schreibweisen beider Schulen bedrohte die Einheit der Schrift. Endlich gelang es nach eingehenden Vorbereitungen des Königl. Sächsischen Stenographischen Instituts im Sommer 1857 auf der Generalversammlung in Dresden die erwünschte Einheit in Lehre und Schrift herzustellen.

Neben der Unterrichtstätigkeit hielt der Verein Übungskränzchen ab, deren Zahl rasch anstieg.

Das Mitglied Leiner übertrug das Gabelsbergersche System auf die italienische, lateinische, französische, spanische, illyrische und serbische Sprache. – Die Mitgliederzahl des Vereins belief sich 1857 auf 255.

1858. Die "Dresdener Beschlüsse" machten eine Neubearbeitung der Preisschrift erforderlich, welcher sich Gratzmüller annahm. Die 7. Auflage fand so guten Absatz, dass 6 000 Exemplare innerhalb von acht Monaten verkauft waren. Diese Auflage wurde König Maximilian II. vorgelegt, welcher am 8. Mai 1857 den Zentralverein mit einem Handschreiben erfreute:

Der günstige Erfolg, welchen die vorjährige Stenographenversammlung zu Dresden hatte, erregt Meine freudige Teilnahme, und indem Ich dem hiesigen Stenographen-Zentralverein für das mit Vorstellung vom 28. v. M. vorgelegte Exemplar des von jener Versammlung angenommenen Unterrichtsbuches freundlichen Dank ausspreche, kann Ich nur wiederholt den Wunsch äußern, dass die Gabelsbergersche Redezeichenkunst immer größere Verbreitung und Anerkennung finde.

 

In den Folgejahren sind der Vereinszeitschrift folgende Nachrichten zu entnehmen:

In Nürnberg war 1855 ein Stenographenverein gegründet worden, dem 1858 ein „Gabelsberger Stenographen-Kränzchen“ folgte. 1859 trat eine ziemlich zahlreiche „Gabelsberger Stenographen-Gesellschaft“ auf mit dem Ziel, "ihre Mitglieder zu tüchtigen Praktikern heranzubilden, der Kunst Freunde zu erwerben und den Unterricht zu fördern". Diese Gesellschaft hatte jedoch kein einziges Mitglied, das Stenographieunterricht erteilen konnte, worüber es zum Zwist mit dem Münchner Zentralverein kam.

Da Gabelsberger in seinem Stenographiesystem keine verbindlichen Schreibweisen vorgegeben hatte, war mit Blick auf den Stenographieunterricht eines der wichtigsten Themen der Stenographenvereine, zu einheitlichen Schreibweisen zu gelangen. Unter diesem Gesichtspunkt stellte der Stenographenverein Bamberg auf der 3. fränkischen Wanderversammlung in Würzburg 1860 den Antrag, eine Stenographische Akademie für ganz Deutschland zu gründen. Der Zentralverein München sprach sich entschieden gegen diesen Antrag aus, ebenso Dresden und eine große Anzahl bayerischer Vereine. Würzburg machte 1861 den Gegenvorschlag, einen Allgemeinen Deutschen Gabelsberger Stenographenverein zu gründen mit dem Ziel, die Einheit des Gabelsbergerschen Systems nach außen zu vertreten, die Systemverbreitung zu fördern und die Einheit der Schreibweisen zu erhalten. Der Zentralverein München hielt hingegen den bisherigen Zustand für vollkommen genügend.

Bleibt für dieses Vereinsjahr noch zu erwähnen, dass König Max II. die Umbenennung der "Kasernenstraße" in "Gabelsbergerstraße" genehmigte.

1862 erklärten eine Anzahl fränkischer Vereine, darunter Bamberg und Würzburg, ihren Austritt aus dem Zentralverein; sie traten zu einem „Fränkischen Stenographen-Bund“ zusammen.

Die 2. Wanderversammlung der süddeutschen Stenographenvereine fand in München in der Aula des Wilhelmsgymnasiums statt. Auf der Tagesordnung stand die Frage, ob es einer Reform der "Dresdener Beschlüsse" (Beschlüsse, die sich auf stenographische Schreibweisen beziehen) bedürfe. Ferner wurde die "Aussendung eines Wanderlehrers" zur Verbreitung der Gabelsberger-Stenographie beschlossen. Dessen Finanzierung erfolgte durch Zeichnung von Beiträgen durch verschiedene Vereine.

Der Schwiegersohn Gabelsbergers, Herr Hauptmann Westermayer, wurde zum Schriftführer der Wanderversammlung berufen. Am Abend überreichte der Vorstand des Tiroler Alpenvereins der Witwe des Meisters, Frau Franziska Gabelsberger, als Andenken in einer Mappe einen Kranz getrockneter Alpenblumen nebst poetischer Widmung. Diese Gabe befindet sich heute noch in Vereinsbesitz.

Die Versammlung schloss mit einem Kellerfest im "Zacherlkeller" – dieses alte Münchner Traditionslokal mit Biergarten existiert noch heute am Mariahilfplatz –; ein Feuerwerk ließ den Namen „Gabelsberger“ strahlend und von einem Efeukranz umgeben (!) aufleuchten.

In das Jahr 1862 fällt der Tod des Chordirigenten und Organisten August Baumgartner, der eine "Musikalische Stenographie" herausgegeben hat.

In der Generalversammlung 1863 wurde der Lehramtskandidat Lautenhammer, der später von Georg Gerber die Vereinsleitung übernommen hat, in den Vereinsausschuss gewählt.

Eine Auseinandersetzung zwischen dem Münchner und dem Wiener Zentralverein, der einige Hauptgrundsätze für Gabelsberger-Schreibweisen aufgestellt hatte, gegen die der Münchner Verein mit Entschiedenheit vorging, gipfelte in dem Vorwurf, Wien wolle unter dem Vorwand, die "Dresdener Beschlüsse" revidieren zu wollen, die Regellosigkeit einführen.

In Augsburg fand die 3. Wanderversammlung statt. Professor Raetzsch (Dresden), der zuerst ersucht worden war, als Wanderlehrer tätig zu werden, hatte aus Gesundheitsgründen abgelehnt, worauf Prof. Dr. Heyde (Dresden) dem Ruf Folge leistete. Er begab sich nach Hannover und Braunschweig, um das Gabelsberger-System zu verbreiten und hielt dort Unterrichtskurse für Beamte der Polizeidirektion, des Innenministeriums sowie für Angehörige des Militärs.

Die Versammlung sprach sich dafür aus, jeder Verein solle durch Einwirkung auf die Presse, auf Vorstände der kaufmännischen Gesellschaften und auf einflussreiche Kaufleute dahin wirken, dass die Stenographie auch in Kaufmannskreisen Verbreitung finde.

1863 gab die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank in München eine neue Zehn-Gulden-Note heraus, auf welcher ganz klein in stenographischer Schrift zu lesen war: "Gezeichnet und ausgeführt Hne." Es war dies eine eigenartige Zusammenziehung des Namens des Graveurs Hasne, der die Stenographie noch bei Gabelsberger persönlich gelernt hatte.

1864 zettelte Bismarck den Deutsch-Dänischen Krieg an, um das von den Dänen unter Vertragsbruch beanspruchte Schleswig für Preußen zurückzuholen. Die Stände von Schleswig und Holstein hatten 1460 den König von Dänemark zum Herzog gewählt (Personalunion) und sich in einem Freibrief ausbedungen, dass die beiden Herzogtümer "up ewig ungedeelt" bleiben sollten (Realunion), obgleich Schleswig dänisches Lehen war und nur Holstein zu Deutschland gehörte. Da die Dänen gegen die verbündeten Großmächte Preußen und Österreich nichts ausrichten konnten, mussten sie schließlich Schleswig aufgeben. Das damalige Vereinsmitglied Joseph Jessing war beim ersten großen militärischen Erfolg dieses Krieges, der Eroberung der Düppeler Schanzen, mit dabei. Nach seiner Rückkehr gab er Stenographieunterricht in Münster.

Am 10. März 1864 verstarb König Max II., der hohe Gönner der Stenographie. Die große Ausbreitung der Stenographie in Bayern zwischen 1850 und 1860 war vor allem ein Verdienst von König Maximilian II.

Das Jahr 1866 war wieder von kriegerischen Ereignissen geprägt. Die Spannungen bezüglich Schleswig und Holstein hielten weiter an, da die Herzogtümer von Preußen und Österreich gemeinsam verwaltet wurden, und mündeten schließlich in den von Bismarck gewollten Entscheidungskrieg zwischen Preußen und Österreich. Durch die Verpflichtung vieler Stenographen zur Dienstleistung in der Armee schien sogar der Bestand einzelner Vereine gefährdet. Im Sommer endete der Krieg für Preußen erfolgreich und machte den Weg zur Gründung des Norddeutschen Bundes frei.

Aus den Annalen des Vereins geht hervor, dass 1866  21 Vereinsmitglieder beim Bayerischen Landtag als Kammerstenographen beschäftigt waren. Der Landtag in Salzburg ließ seine Verhandlungen durch drei Münchner Stenographen aufnehmen. Außerdem wurden eine Anzahl öffentlicher Vorträge und Verhandlungen von verschiedenen Mitgliedern stenographiert.

Am 10. Oktober 1866 verstarb der Kgl. bayerische Staatsrat Gustav Freiherr von Lerchenfeld, der früh den Wert der Erfindung Gabelsbergers erkannte und im Bayerischen Landtag entschieden für dieselbe eintrat.

1868 feierte der Stenographen-Zentralverein Gabelsberger in München das 50jährige Bestehen der deutschen Redezeichenkunst, deren grundsätzliches System Gabelsberger 1818 erarbeitet hatte. Erster Vorstand Georg Gerber verfasste aus diesem Anlass die Festschrift "Gabelsbergers Leben und Streben nach desselben hinterlassenen Papieren", von der die Vereinsbibliothek noch etwa ein Dutzend Exemplare aufbewahrt.

Das Jahr 1868 hat für die Entwicklung der Gabelsbergerschen Stenographie in Deutschland große Bedeutung. Das Kgl. Stenographische Institut Dresden berief einen Systemausschuss nach Dresden ein. Der Münchener Zentralverein verlangte, dass der Systemausschuss nicht in Berlin, sondern in München zusammentreten sollte. Das gespannte Verhältnis veranlasste das Institut in Dresden schließlich, sein Mandat als geschäftsleitende Körperschaft des Systemausschusses niederzulegen. Vom Zentralverein München wurde die Gründung des Deutschen Stenographenbundes vorbereitet.

Zwei Todesfälle waren am 20. Oktober 1868 vom Verein zu beklagen. In München verstarb der Vorstand des Stenographenbüros der Kammer der Reichsräte, der Appellationsgerichtsaccessist Eugen Popp und in Athen der Stenographielehrer Joseph Mindler, eifriger Verfechter der Erfindung Gabelsbergers in Griechenland.

1869 wird in der Münchner Handelsschule Stenographie als obligater Lehrgegenstand eingeführt.

Im selben Jahr ergab sich in der Vereinsleitung eine Änderung. Der bisherige zweite Vorstand, Legationsrat Leinfelder, trat zurück. Zu seinem Nachfolger wurde Oberstleutnant Steinbauer gewählt. Als Redakteur der Stenographischen Blätter betätigte sich Reallehrer Johann Lautenhammer, der 1870 die Nachfolge Gerbers in der Vereinsleitung antreten sollte.

Auch das Vereinsorgan erfuhr mit Beginn des Jahres 1869 eine Änderung, indem an Stelle der "Stenographischen Blätter" von nun an die "MÜNCHENER BLÄTTER FÜR STENOGRAPHIE" in Autographie und daneben die "Stenographische Lesebibliothek" herausgegeben wurde.

 

(Die Chronik wird fortgesetzt.)